Vom Nichts-Suchen und Alles-Finden
Vorab zur Klarstellung: Das hier ist keine Werbung. Ich "kenne" die Autorin online aus den Sozialen Medien, insbesondere von Instagram, und eine runde Frau um die 50, die bunte isländische Strickpullover und Island liebt, ist mir schon mal per se direkt sympathisch - da finde ich auch mich wieder!
Also habe ich mir ihr Buch "Mein Island - Vom Nichts-Suchen und Alles-Finden" direkt gekauft, als es im Februar 2026 erschienen ist.
In dem Buch geht es um die Frage nach Herzens- oder Kraftorten - wo kommen wir zur Ruhe, wo schöpfen wir Kraft und finden Inspiration? Für mich ist es eine gelungene Mischung aus Reiseberichten von ihren Island-Reisen und ihrer eigenen Reise zu sich selbst.
Die Autorin Melodie Michelberger (Jahrgang 1976) hat ihren "Kraftort" gefunden - in Island, schon bei ihrer ersten Island-Reise 2017 mit ihrem Sohn.
Als Kind begeisterte sie sich beim Besuch mit der Grundschule im Naturkundemuseum für magmatische Gesteine, fing an, selbst Steine zu sammeln und sich für deren Entstehung zu interessieren. Das Buch "Reise zum Mittelpunkte der Erde" von Jules Verne verschlang sie an einem Wochenende, fuhr mit dem Finger über die Karte auf die Halbinsel Snæfellsnes im Westen Islands und zum Vulkan Snæfellsjökull...
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| Snæfellsjökull - der Schnee-Berg-Gletscher (Foto von 2014) |
Aber mit Anfang 20 ging Melodie erst einmal nach Hamburg, machte ein Praktikum bei der Zeitschrift Amica (ui - über eine Kontaktanzeige bei Amica habe ich damals meinen Mann kennen gelernt, ist allerdings schon fast 25 Jahre her!), arbeitete in der Moderedaktion bei der Brigitte und der Gala und übernahm die Pressearbeit eines Hamburger Modelabels. Bis sie mit Ende 30 zeitgleich die Diagnose Burn-Out und die Kündigung ihrer Festanstellung bekam, ihre Beziehung scheiterte und sie plötzlich arbeitslos, alleinerziehend und pleite war.
Und der alte Traum von Island platze in ihre große Leere und Planlosigkeit. Erst bestellte sie sich einen gebrauchten Island-Reiseführer und ersteigerte online einen handgestrickten Lopapeysa, einen Island-Pullover aus schöner dicker Wolle mit Pferdemuster auf der Rundpasse. Zwei Jahre lang kämpfte sie sich aus ihrer Erschöpfungsdepression heraus - und im dritten Jahr ihrer Selbständigkeit schaffte sie es, das scheinbar Unmögliche zu schaffen, die 5.836 € für die 12-tägige Mietwagen-Rundreise zusammen zu bekommen und schließlich im August 2017 mit ihrem Sohn im Flieger nach Island zu sitzen, zum ersten Mal das "Velkomin heim" der Flugbegleiterin von Icelandair nach der Landung zu hören.
Mittlerweile hat sie Island schon 10 Mal bereist, in Begleitung und ohne, und beschreibt diese ganz unterschiedlichen Reisen sehr anschaulich in ihrem "Mein Island"-Buch.
Ich habe es beim Lesen sehr genossen, in Gedanken mit ihr mitzureisen, an Orte, an denen ich auch schon gewesen bin - egal, ob es jetzt die bunten Häuser in der Reykjavíker Innenstadt sind, die Eisdiele am Alten Hafen oder der kleine heiße Hot Pot am Strand bei Grótta, das skurrile Hexenmuseum in Hólmavík oder das Hotel in Heydalur.
| Schwimmen in Heydalur (Foto von 2016) |
Ich musste aber auch grinsen, wie Melodie z.B. über die kleinen Einkaufsläden in kleinen Orten berichtet - und über die Vorliebe der Isländer für Energy-Drinks. "Einmal hatte ich stundenlang Herzrasen, weil ich nicht wusste, dass die Dose mit der schönen pinken Aufschrift reichlich Koffein ... enthielt." Okay, ab und zu trinke ich diese "pinken Dosen" auch ganz gerne, Herzrasen bekomme ich davon tatsächlich nicht, aber ich fühle mich tatsächlich mal nicht müde danach...
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| Mittlerweile gibt es Collab auch in Deutschland. |
Auch als wir jetzt bei der Gletscherlagune Jökulsárlón waren, musste ich an Melodies Beschreibung in ihrem Buch denken:
Sie besucht im Buch auch immer wieder diese Gletscherlagune und den Strandabschnitt, der von Touristen meist Diamond Beach, der Diamantenstrand, genannt wird, weil hier die Eisbrocken wie Diamanten auf dem schwarzen Strand liegen. Auf Isländisch heißt der Strand allerdings Vestri Fellsfjara (westlicher Felsstrand, vor der Brücke, von Reykjavík aus kommend) bzw. Eystri Fellsfjara (östlicher Felsstrand), hinter der Brücke, auf der Seite, wo auch der große Parkplatz und der Startpunkt der Bootsfahrten ist.
In ihrem Buch beschreibt Melodie Michelberger, wie sie alleine am Strand hier entlang geht, so weit läuft, bis sie mit der tosenden Brandung und den hellblauen Eisbrocken alleine ist. Sie hat extra ihr neues Kleid mit den Puffärmeln mitgebracht, von ihrer dänischen Lieblingsdesignerin, um sich mit genau diesem Kleid an genau diesem Strand zu fotografieren.
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| Quelle: Melodie Michelberger @Instagram |
Okay, von mir gibt es hier kein Foto in einem coolen Lieblingskleid, ich habe meine heißgeliebte alte rote Lopapeysa-Strickjacke an, aber trotzdem meine ich, das Glück zu spüren, von dem Melodie in ihrem Buch hier schreibt.
Líkamsvirðing - Respekt für den Körper
Sehr gut nachvollziehen konnte ich auch Melodies Schilderung von Schwimmbad-Besuchen auf Island.
In isländischen Schwimmbädern müssen sich alle Besucher vor dem Baden gründlich nackt waschen, entsprechende Schilder machen deutlich, wo man sich besonders intensiv zu waschen hat. Teilweise kontrollieren auch die Bademeister bzw. Bademeisterinnen, ob man sich an diese Regel gehalten hat, und schicken Touristen, die z.B. nur in Badekleidung geduscht haben, wieder zurück - sie müssen sich richtig waschen, nackt.
Das liegt daran, dass hier das Wasser in den Schwimmbädern möglichst natürlich belassen wird und weniger stark gechlort als in Deutschland und anderen Ländern - das funktioniert aber nur, wenn wirklich alle das Duschen ernst nehmen.
Da Isländer selbstverständlich mit dieser gemeinsamen Duschkultur aufwachsen, ist es auch ganz normal, dass man sich fröhlich nackt unter der Dusche oder in der Umkleide mit anderen Badegästen unterhält - es gehört sich nicht, Körper zu kommentieren oder zu werten. Jeder ist hier gleich, ganz egal, wie groß oder klein, dick oder dünn etc. man ist - für Melodie wie ein "Crashkurs in Körperakzeptanz".
Oder um es auf Isländisch zu sagen:
"Líkamsvirðing er mannréttindayfirlýsing. Við eigum öll rétt á því að líða vel í eigin skinni." - "Körperakzeptanz ist Ausdruck der Menschenrechte. Wir haben alle das Recht, uns in unserer eigenen Haut wohlzufühlen."
Mir hat das Buch beim Lesen auf jeden Fall viel Spaß gemacht und ich konnte ganz viel nachvollziehen.
Ich fand es nur ein bisschen schade, dass es nur im Einband Melodies schöne, bunte Fotos gibt, die mir immer direkt gute Laune und Lust auf Island machen. Außerdem hätte ich wenigstens ein kurzes Inhaltsverzeichnis schön gefunden - wenn mir irgendeine bestimmte Szene an einem bestimmten Ort gerade einfällt, muss ich immer blättern und suchen - wo kam Heydalur vor (ab Seite 131) oder wo schreibt sie über Collab (Seite 113)..?
Ich hoffe, eines Tages findet Melodie das kleine blaue Haus ihrer Träume, auf einer Wiese zwischen Meer und Bergen, irgendwo in den isländischen Westfjorden. So, wie auch wir unser Island-Haus gefunden haben, das zwar weder nicht blau ist, sondern rot-braun, und nicht in den Westfjorden liegt, sondern in Grímsnes in Suðurland, das aber definitiv unser persönlicher Herzensort ist!


































