Dienstag, 13. April 2021

Geldingadalsgos

Unser Besuch beim Vulkanausbruch im Geldingadalur 


Nachdem es seit Ende Februar verstärkt heftige Erdbeben auf Reykjanes gegeben hatte, man am 3. März schon innerhalb der nächsten Stunden mit einem Ausbruch rechnete, der dann aber doch nicht erfolgte, war es dann am 19. März 2021 gegen 20.45 Uhr tatsächlich soweit: 

Eldgos er hafið. Der Vulkanausbruch auf Reykjanes hat begonnen. 

Am 5., 7. und 10. April öffnen sich dann immer neue Risse, neue Krater entstehen. Die Ausbruchsstelle wird immer größer.

Die Isländer strömen in Massen herbei, um die Eruptionsstelle zu bestaunen. Um alles in geregelte Bahnen zu lenken, den Menschen aber trotzdem und möglichst sicher den Besuch bei diesem Naturspektakel zu ermöglichen, tun die Rettungskräfte und die Polizei hier wirklich ihr Bestes. Es wurde ein riesiger Parkplatz praktisch aus dem Nichts in Rekordzeit aus dem Boden gestampft, und Polizei und Rettungsteams sind dauerhaft mit Einsatzkräften vor Ort. 

Wanderweg A und Wanderweg B

Schon Ende März wurden zwei Wanderwege zur Ausbruchsstelle (Gönguleið A und Gönguleið B) angelegt. Teilweise werden die Wege noch den veränderten Situationen angepasst, besonders steile Stellen werden teilweise mit Seilen gesichert.

Beide Wege sind etwa 3 km lang. Nach etwa 1 km auf der flachen Ebene trennen sich dann die beiden Wege - Weg A führt steiler über die Berge nach oben, Weg B ist vergleichsweise flacher und es gibt an der steilsten Stelle ein Sicherungsseil (für das wir am Heimweg dann auch sehr dankbar waren). 

(Seit wir Weg A gelaufen sind, wurde er nach der Öffnung der vierten Spalte schon wieder verlegt, um nicht durch Gebiet zu führen, wo möglicherweise die Öffnung weitergeht.)

"Öffnungszeiten" am Vulkan

Es gibt "Öffnungszeiten" hier am Vulkan, abends wird der Zugang gesperrt und das Gebiet evakuiert, auf mit Hilfe von zwei Hubschraubern der Küstenwache, die darauf achten, dass dann niemand mehr im Eruptionsgebiet ist. Aktuell ist der Zugang zum Vulkan jetzt von 12 Uhr mittags bis 9 Uhr abends "geöffnet", da so viele Menschen den Ausbruch auch bei Dunkelheit erleben wollten, wenn die Lava glüht... ein ganz besonderes Erlebnis! Um Mitternacht soll die Region um die Ausbruchsstelle dann menschenleer sein. 

Teilweise muss das Gebiet allerdings auch kurzfristig evakuiert werden, wenn z.B. das Wetter zu schlecht oder es zu windstill ist, so dass die Gaskonzentration gefährlich wird. Es ist wirklich wichtig, sich vorab über die aktuellen Bedingungen vor Ort zu informieren, bevor man sich zur Ausbruchsstelle aufmacht. 

Freitag, der 09. April 2021 - 
Unsere Tour zum Vulkan

Wir sind dieses Mal am Ostersamstag nach Island geflogen, dann 5 Tage häusliche Quarantäne, am Donnerstag hatten wir dann unseren zweiten Corona-Test. Nachmittags kam das Ergebnis - negativ. Wir durften also wieder raus. Am Freitag musste mein Mann vormittags noch arbeiten, aber gegen 13 Uhr konnte er Feierabend machen. Die Wettervorhersage für Reykjanes war eigentlich ganz gut, also sind wir direkt aufgebrochen. 

Wir hatten erst etwas Probleme, von der Straße die Zufahrt zu den neuen Parkplätzen zu finden - doch, wir hatten die Schilder gesehen, die zum Parkplatz (bílastæði) zeigten. Aber irgendwie sah es für uns Mitteleuropäer doch zu sehr nach Baustelle und noch nicht nach Straße aus... Wir haben dann aber gemerkt, dass wir zu weit gefahren waren, und sind dann umgekehrt und über die neue Rumpelpiste zum Parkplatz gelangt.

Start am Parkplatz

Als wir gegen 14 Uhr dort ankamen, war erst der erste der neuen Parkplätze belegt, der war aber schon ziemlich voll. Wir haben am Rand noch einen Platz gefunden. Wir haben dann - sicherheitshalber - noch einen Zettel mit unserer Handy-Nummer vorne unter die Windschutzscheibe gelegt, haben uns schön warm eingepackt, den Rucksack mit Zusatz-Klamotten, Fotozubehör und Wegzehrung gegriffen und sind losgezogen. 


Als wir unten an der Straße loszogen, war - wieder - strahlend schönes Wetter. Und wir sahen ja schon die Menschen, die dort im Hintergrund auf die Berge stiegen... 


Wir haben uns für den Hinweg für Wanderweg A (Gönguleið A) entschieden - na ja, genau genommen sind wir eigentlich einfach den anderen Menschen nachgegangen. Weg B haben wir im Tal auch abzweigen sehen, aber irgendwie ging dort niemand lang... 


Zuerst war der Weg ja gut zu gehen, auch für Ungeübte wie mich. 


Der erste Anstieg war schon etwas schwierig, es war ordentlich rutschig und es gab hier kein Sicherungsseil. Einige Leute, die etwas oberhalb des angelegten steilen Pfades auf dem Rückweg durch den Schnee stapften, landeten regelmäßig wieder auf ihrem Hintern... aber ernstlich gestürzt ist dabei zum Glück niemand. 

Nach der ersten Steigung führte der Weg an einem Berg entlang, bevor es dann wieder hieß: Ordentlich bergauf kraxeln. In dem Moment war ich doch neidisch auf diejenige, die mit Wanderstöcken unterwegs waren. Teilweise fand ich den Weg schon nicht so ganz einfach, auch wenn ich dank meiner Wanderschuhe mit schönem Profil einigermaßen sicher unterwegs war. Spikes unter den Sohlen hatten wir allerdings nicht. 


Und weiter ging es dann bergauf, im Hintergrund hatte man noch Blick aufs Meer. Eigentlich ja sehr malerisch!


Und dann dieser Moment, als wir endlich oben waren, auf den Bergkamm kamen - und mein Mann rief: Da ist es! 

Der erste Blick auf die Vulkan-Krater

Ich glaube, das war für mich tatsächlich der allerschönste Moment unserer Tour - dieser erste Blick auf die Lava-spuckenden Krater in der Ferne. Ich kam mir vor wie Frodo und Sam in einer Person - total unrealistisch, wie im Kino. Genau so, wie man sich das aus Filmen vorstellt!


(Nach der Öffnung der vierten Spalte in der Nacht zu Samstag wurde der Weg hier schon wieder verlegt, mittlerweile wandert man nicht mehr durch dieses Tal auf die Ausbruchsstelle zu, sondern um den Berg herum, kommt dafür aber von der anderen Seite näher an die Krater heran. Die Wegführung hängt aber auch von der Windrichtig ab!)

Wir sind dann den Weg weiter gelaufen, bis irgendwann dann links vom ausgeschilderten Weg A eine Lava-Zunge aus der Landschaft ragte. Die Strecke vom Wanderweg zur Lava-Zunge war zwar ordentlich matschig, aber hier strömten wir alle querfeldein - einfach nur hin zur Lava, die sich da vor uns auftürmte!

Lava-Zunge voraus


Es war ein ganz besonderer Moment, hier an der frischen Lava zu stehen - noch heiß, rot glühend, überall dampfte es. 


Und dann hörte man es - es knisterte und klirrte in der Lava. Manchmal rumste es, wenn irgendwo wieder etwas ein Stück weiter nach unten fiel, es knackte und knirschte. Und dann klangt es wieder, als ob jemand mit ordentlich Schwung Altglas in einen Container werfen würde. Und die Glasscherben dann leise nach-klirren würden... Springendes Glas, ja, genau so hörte sich die Lava hier an!


Hier auf dem unteren Foto sieht man gut, wie am Fuß der Lava immer wieder das trockene Gras / Moos dann Feuer fing und kurzzeitig ordentlich brannte. Weil ich gefragt wurde - nein, eigentlich roch man hier von dem Ausbruch nicht wirklich etwas. Aber manchmal roch es ein bisschen wie beim Grillen - ich denke, das war dann aber das brennende Gras.


Mein Mann fand, wenn er schon mal da war, wollte er auch ganz nahe an die Lava heran. Erst nur schön die Hände wärmen in der Hitze, die die Lava ausstrahlte...


...und dann konnte er es doch nicht lassen, vom Rand ein kleines Stück ganz neues Island mal in die Hand zu nehmen. 



Die Lava hier war wirklich schon erkaltet, aber noch so frisch, dass nichts irgendwie schon abgeschliffen oder geglättet worden wäre, alles noch ganz spitz und piekend. 


Zwei kleinere Stücke von der frischen Lava haben wir dann in unseren Rucksack gepackt. Beim Auspacken zu Hause musste ich allerdings vorsichtig sein - die Steine sind noch ganz frisch und spitz und voller kleiner, piekender Widerhaken, die sich auch im Stoff des Rucksacks verhakt hatten. Bitte sehr - ein Stück Island, das vor einer Woche noch gar nicht da war!


Im Innern der Lava glühte es noch, es war innen noch flüssig - und so heiß, dass die Luft über der Lava richtig flirrte.  


Immer wieder flogen auch Hubschrauber an den Seiten der Ausbruchsstelle entlang - schon auf dem Weg zum Parkplatz waren wir, an der Abzweigung der Straße von Reykjavík, an einem Rettir (einem Schafs-Sammel-Platz) vorbei gekommen, wo ein improvisierter Hubschrauber-Landeplatz eingerichtet worden war. Flüge über die Ausbruchsstelle sind derzeit enorm gefragt!


Wir sind dann entlang des Lava-Feldes weitergegangen, auf die spuckenden Krater zu. Leider fing es jetzt an zu schneien, so dass es etwas ungemütlich wurde. 

Die Lava türmt sich ja hier auf, man steht einem richtigen Lava-Wall gegenüber. Ich kann absolut nicht schätzen, wie dick diese Lava-Schicht hier ist. Auch wenn ich gelesen habe, dass die Lava an den dicksten Stellen bis zu 15 Metern dick sein soll. Auf jeden Fall türmt sie sich richtig aus dem (ehemaligen) Tal vor einem auf. 


Wir gingen dann weiter entlang des Lava-Feldes und bekamen dann zunehmend einen besseren Blick auf den ersten der drei spuckenden Krater entlang der Ausbruchsstelle. 



Die anderen beiden Krater ragten dann entlang der Ausbruchsstelle wie Perlen an einer Kette aus dem Lava-Strom auf. 



Ich hätte einfach nur stehen können und Fotos machen. Immer wieder spuckte der Krater anders, mal breiter, mal höher, mal war es kaum zu sehen und dann flogen wieder leuchtende Brocken (keine Ahnung, wie groß die waren - vielleicht so groß wie ein Kleinwagen, so deutlich, wie sie zu sehen waren..?), flogen in den Himmel und kullerten dann den Berg hinunter... 


Einfach nur faszinierend!



Mein erster Vulkan-Ausbruch! 



Wir haben uns hingesetzt, trotz Schneetreiben, und Pause gemacht, unsere letzten Zimtschnecken aufgegessen. 


Das Wetter wurde derweil allerdings immer ungemütlicher. 





Rückweg - unsere Suche nach Weg B

Schließlich wollten wir dann doch wieder zurück - zumal unser Sohn auch schon einigermaßen erschöpft war und wir ja schließlich den Rückweg noch möglichst gut bewältigen mussten. Beim Gedanken an den steilen Anstieg von Weg A entschieden wir uns, zurück vielleicht doch Weg B zu versuchen. Entlang der Lava-Zunge hatten wir einmal ein Schild mit "Gönguleið B" gesehen, wussten aber nicht, in welche Richtung wir gehen mussten, um zum Parkplatz zu gelangen. Weiter am Lava-Feld entlang..? Umkehren und dann irgendwo über den Berg rüber..?

Wir fragten dann andere Wanderer, die hier oben auch im Schneetreiben unterwegs waren, und einer konnte uns dann auch zurück schicken. Wir fanden die Stelle, wo "Gönguleið B" abzweigte, und folgten dann den Berg hinaus den gelben Pinnen, die als Weg-Markierung in die Erde gerammt waren. Zwischenzeitlich waren wir ja unsicher, ob wir auf dem richtigen Weg waren. Vor uns sahen wir, in einiger Entfernung, zwei Wanderer, und konnten auch noch schwach deren Fußspuren im Schnee erkennen, aber sonst war da nichts... Irgendwann kam uns dann eine Frau entgegegen, die wir fragen konnten - ja, das wäre der Weg zurück zum Parkplatz, aber es wäre noch weit! Egal, Hauptsache, wir waren richtig...

Durch den dichten Schneefall war es teilweise schon schwer, den nächsten gelben Pflock von der Weg-Markierung zu erkennen, außerdem peitschte es einen ordentlich ins Gesicht. Vor allem unser Jüngster beschwerte sich, dass es sich wie viele kleine Nadelstiche im Gesicht anfühlte. 

Ein Stück später ging es dann ordentlich steil den Berg hinunter, hier war allerdings ein dickes gelbes Seil gespannt - da waren wir uns dann wirklich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein!


Auch wenn es jetzt hier auf den Fotos längst nicht so steil aussieht, wie es war... Sowohl unser Sohn als auch ich waren den Rettungsteams wirklich sehr dankbar für dieses Seil, an dem wir dann, festgeklammert, den Berg langsam hinunter steigen konnten. Unser Sohn landete öfter auf dem Hintern und ich habe mich auch einmal hingesetzt und war sehr froh, das Seil zu haben. 

Auch wenn es vielleicht aus Sicht des Epidemiologen nicht ideal ist, wenn alle Leute dasselbe Seile anpacken - das war mir dann in dem Moment egal. Zumal ich nicht glaube, dass hier im Schneetreiben viele Viren am Seil lange überleben, und vor und hinter uns war ja wirklich die meiste Zeit kaum einmal jemand zu sehen.


Seil zu Ende, Berg noch nicht

Irgendwann war dann das Seil zu Ende, aber der Abstieg leider noch nicht.

Ich brauchte noch meine Zeit, über den rutschigen, teilweise verschneiten und steinigen Weg meinen Weg zurück ins Tal zu finden. Auch meinen Mann hat es hier einmal erwischt, so dass er sich hinsetzte und unseren Sohn dabei mitzog - dessen Stimmung auch nicht mehr so ganz ideal war. 
 

Ich war ja dann schon froh, als wir endlich soweit unten waren und auf flachem Weg auf die Stelle zusteuern konnten, wo die beiden Wege wieder zusammen kommen. 


Wir waren etwas gegen 18.45 Uhr wieder auf dem letzten Stück zurück zum Parkplatz. Uns kamen da allerdings teilweise wirklich viele Menschen entgegen, es war schon ordentlich Betrieb. 


Nach etwa 5,5 Stunden hatten wir es dann glücklich geschafft und erreichten wieder unser Auto auf dem Parkplatz. Im Auto sitzend, wurde dann auch die Stimmung bei unserem Sohn wieder besser, zum Schluss war er dann doch froh, dabei gewesen zu sein und den Vulkan-Ausbruch gesehen zu haben. Auch wenn seine Füße weh taten und er müde und erschossen war, da war die Welt dann doch wieder in Ordnung. 


Zurück ging es dann wieder über die Zufahrt zum Parkplatz (sehr schön, mit Meerblick!) zurück zum Suðurstandarvegur und dann wieder ab nach Hause. Nach gut 7 Stunden kamen wir dann kurz nach 20 Uhr wieder hier zu Hause an... und haben uns erst noch mal in den Hot Pot gelegt zur Erholung!


Anmerkung:
Gefahr durch austretende Gase 

Eine große Gefahr für Menschen bei Vulkanausbrüche besteht auch im austretenden Gas. Normalerweise treten dabei insbesondere Schwefelwasserstoff (H2S) und Schwefeldioxid (SO2) aus. Der Schwefelwasserstoff ist eigentlich durch seinen typischen Geruch nach faulen Eiern gut zu erkennen. Auch Schwefeldioxid ist ein stechend riechendes Gas. 

Allerdings betäubt Schwefelwasserstoff in höheren Konzentrationen die Geruchsrezeptoren beim Menschen - während man wenig Schwefelwasserstoff also gut riechen kann, kann man ihn ab einem bestimmten Wert dann aber nicht mehr riechen. Auch das wird dann gefährlich. 

Das Gas kann zu Reizungen von Auge, Nase und Rachen führen, Hustenreiz, Kopfschmerzen, tränenden Augen, aber auch unerklärliche Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Verwirrtheits-Symptome wurden bei Besuchern an der Ausbruchsstelle schon beobachtet. In hoher Konzentration ist das Gas für Menschen tödlich.

Da Schwefelwasserstoff eine etwas höhere Dichte hat als Luft, sammelt sich dieses Gas am Boden, insbesondere auch in Talsoden. Es wird daher gewarnt, man soll Hunde (und auch kleine Kinder) nicht mit zur Ausbruchsstelle nehmen. Außerdem kann sich Fluorid auch in Pfützen sammeln, was gefährlich werden kann, wenn Hunde aus diesen Pfützen trinken.

Die aktuelle Gasdispersionsprognose findet Ihr auf der Webseite des isländischen meteorologischen Dienstes unter www.vedur.is

In diesem Sinne - seid bitte auch vorsichtig, wenn Ihr Euch auch auf den Weg macht!!!


Mein Mann ist gestern Abend noch einmal alleine hin, um den Vulkanausbruch bei voller Schönheit in der Dämmerung bzw. im Dunkeln zu erleben. Die Bilder zeige ich Euch dann auch noch! 




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